"Life's but a walking shadow, a poor player
That struts and frets his hour upon the stage
And then is heard no more: it is a tale
Told by an idiot, full of sound and fury,
Signifying nothing."
William Shakespeare
Man könnte sich langsam daran gewöhnen, dass die Namensgebung neuer Tocotronic-Platten an schieren Größenwahn grenzt. Man denke nur an „Tocotronic (2002)“ mit dem mittigen Schriftzug schlicht in Schwarz auf Weiß, von Fans „Die Weiße“ genannt — wie anno ’68 „The White Album“ von den Beatles. Oder „Pure Vernunft darf niemals siegen (2005)“, das an Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ erinnert.
Auch dieses Mal ist die Band mit einem Shakespeare-Zitat gut dabei. Und wieder einmal trifft der Titel den Nagel auf den Kopf. Noch nie klangen Tocotronic so bösartig, resolut, so endgültig, und das mit der größten musikalischen Bandbreite, die bis jetzt auf einer LP zu hören war. Zwei Balladen über acht Minuten, ein Walzer, eine Polka — wie jedes Mal steckt das jüngste Werk voller Überraschungen. Dass Vergleiche zu früheren Veröffentlichungen fehl am Platze sind, versteht sich, soviel sei aber gesagt:
„Schall und Wahn“ ist eine angereicherte Weiterentwicklung des schmutzigen Feedback-Sounds der Kapitulation. Das Gitarrenspiel klingt wilder, ausgefranster als zuvor, Arne Zanks Rhythmen schweben mit fast schon jazzigem Anmut über den Songs, Dirk von Lowtzow driftet in Falsett und Shouting ab, das Vokabular ist blutig wie nie, die Arrangements (zahlreich kommen Streicher und Frauenchöre zum Einsatz) sind im Allgemeinen ausschweifender und viel diverser als auf dem schon recht progressiven Vorgänger — diese Vielfalt hinterlässt einen starken Eindruck und doch bleibt das Album auf unerklärliche Weise sehr kohärent und zerfällt nicht in einzelne Songs. Gerade dies scheint mir sich zu einer neugewonnen Stärke des Ensembles zu entwickeln: Eine Art Klammer um eine sehr diverse Anzahl von Stücken zu setzen, die inhaltlich wie musikalisch aus allen Nähten platzen; ein bestimmtes Konzept, ein Leitmotiv in jeden einzelnen Takt zu verfrachten, das später die Essenz des Albums ausmacht.
Das macht auch die Wucht des Gesamtwerkes aus: Waren die Songs auf dem dogmatischen „Pure Vernunft darf niemals siegen“ noch alle musikalisch und textlich sehr gleichförmig und im Kern doch sehr abwechslungsreich, sind sie auf „Schall Und Wahn“ von der Form her sehr verschieden und im Kern doch sehr ähnlich.
Alles scheint hier einen kleinsten gemeinsamen

Nenner zu haben. Der war bei der „Puren Vernunft“ eine zauberhafte Masse von Abhängigkeit, Hingabe, Sehnsucht, Schönheit; bei „Kapitulation“ natürlich die programmatische Kapitulation, Wehrlosigkeit, Zerfall; Hier ist es nun der Rausch, der im Mittelpunkt steht, die zerstörerische Kraft des Wahnsinns („Gesang des Tyrannen“) und der Liebe („Eure Liebe tötet mich“), die Herrschaft, der Zweifel, das Sich-nicht-festlegen („Im Zweifel für den Zweifel“, „Bitte oszillieren Sie“) und der Zorn („Stürmt das Schloss“). Alles natürlich mit dem üblichen tocotronischen Glücksversprechen („Gift“).
Einmal mehr liefern die ewigen Tocotronic ein schlagkräftiges Argument dafür, dass die Kunstform Album noch wunderbar funktioniert, einmal mehr eine Platte über die man viel nachdenken kann, aber nicht muss. Man möge das neueste Werk nun genießen und gespannt spekulieren, wohin der verworrene Pfad der vier Trickser noch führen mag, auf ihrer Suche nach der blauen Blume. Solange sie das Niveau jedenfalls halten – und ich bin sicher, das werden sie – sind Tocotronic für mich die interessanteste deutsche Band, auch nach 17 Jahren die man nun schon gemeinsam musiziert.